Segeln: Katamaran "La Guagua" 2009: nach Hamburg

von Sakskøbing nach Hamburg

zum Reisebeginn

Wie das so ist bei unseren Planungen: manchmal klappen sie -- aber heuer ist eben nicht manchmal.
Wir sind planmäßig zu Kenn's Geburtstag nach Sakskøbing gefahren und haben dort an einer schönen dänischen Sause teilgehabt. Aaaaber während der Tage dort (Einräumen, Pflichtarbeit, ...) haben wir uns beide eine dicke Erkältung aufgesackt (Sabine war zwei Tage fast nur in der Koje) und damit unsere Abfahrt weit über unsere Planung hinaus verzögert. Statt am 20. Mai kamen wir erst am 23. los.

Zwischenzeitlich hatte sich auch der schöne Ostwind von hackigen westlichen Winden mit Regenschauern ver-drängen lassen, sodass wir nur langsam aus

dem Fjord herauskamen und gleich als Starter reffen mussten. Dann flaute der Wind immer mehr ab und nahezu der letzte Hauch brachte uns um 19:00 Uhr auf

unseren Ankerplatz sw'ly von Dybvig auf Fejø. Nicht gerade weit, aber ein sehr schöner Abend. Der nächste Morgen sah uns schon zeitig unter-wegs: und das war gut so, denn der Wind spielte -- wenn überhaupt -- dann verrückt. Wir haben viermal den Blister gesetzt und alle möglichen

und unmöglichen Segelstellungen ausprobiert, um durch den Omø-Sund in den großen Belt zu kommen. Dort gibt es gute Gelegenheit, den Dreck, der durch die Motoren der großen Schiffe in die Luft geblasen wird, zu beobachten und die Forderungen nach dem Einsatz von weniger schmutzigem Treibstoff zu verstehen -- und vielleicht auch zu unterstützen z.B. durch Greenpeace oder WWF ?

Die Fahrt unter der Belt-Brücke hindurch ist immer wieder spannend -- ist sie wirklich hoch genug ? -- da freuen wir uns dann, wenn ein Schiff wie die "Minerva Lisa" unsere Zweifel zerstreut. Gun's Hoffnung noch bis Fyn (Fünen) zu kommen, haben wir bald abgehakt: Der nächste Liege-

platz war das kleine Inselchen Musholm vor der Westküste Sjelands (Seelands); für die letzten 4 Meilen mußten wir dann doch noch das 4-Takt-Groß von Yamaha bemühen. Als der Anker um 21:00 endlich gefallen war, kam Wind; aus NW und nicht zu knapp. Nach dem Wetterbericht und den Erfahrungen der vergangenen

Tage entschlossen wir uns, unsere jüngste Planung (via Limfjord nach Hamburg) zu streichen und stattdessen rund Fyn und dann durch den NOK nach Hamburg zu gehen. Für das Ziel Hamburg gibt es mehrere Gründe:
-- Die Prinzessin braucht eine neue Krone und hat deshalb ein Treffen mit dem Zahnarzt vereinbart.
-- Am 07.06.09 wird das Europa-Parlament gewählt. Für uns ein sehr wichtiger Termin, denn wir genießen

die Freizügigkeit, ohne nennenswerte Formalitäten mit Boot oder Auto (im Winter) dort herumfahren zu können und wissen auch, dass dieser Zustand nur von Dauer sein kann, wenn alle Leute, die darin leben etwas von Europa haben: Sie müssen durch ihre Arbeit ein halbwegs angenehmes Leben in sozialer Sicherheit (so wie wir) führen können. Ein winziger Baustein auf dem Weg dorthin ist die Wahl -- also gehen wir wählen; ihr doch hoffentlich auch;

-- Wir können unsere "landlebigen" FreundInnen und KollegInnen an Bord einladen.

Nach Korrek-tur unserer Planung haben wir uns am

nächsten Morgen etwas zu lange Zeit gelassen und der Wind war schon weiter gezogen. Die umfang-reichen Fischzuchtanlagen vor Musholm kamen erst gegen 16:00 Uhr außer Sicht, als der Wind ein

südliches Einsehen hatte und uns zügig Richtung Fyn voranbrachte. Nach Passie-ren der Untiefen n'ly Fyns ging es noch ein knappes Stündchen an der markanten Westküste entlang, bevor wir nach Korshavn, einer sehr gut geschützten Bucht einbogen. Gegen halb acht ankerten wir auf 2,4 m Tiefe mit 35 m Kette /

Leine am CQR-Anker. An die Pier zu gehen ist uns zu teuer: Im Mai letzten Jahres wollte der Hafen-meister von uns 100 % Multihullzuschlag haben, obwohl dieser in der Preisliste nicht aufgeführt war. Dieses Jahr gibt es eine geänderte Preisliste: Multihulls unserer Größe kosten 130 % gleichlanger Einrumpfboote -- halten wir immer noch für ungerechtfertigt.

Für den Landgang nutzen wir dann unsere Gummiwurscht (Zodiac-Schlauchboot). Dass Gun gleich beim ersten Landgang den Dollen (Aufhängung) eines Riemens zerstört hat, liegt wohl nicht an dem besonders guten Frühstück, sondern an Materialschwäche und dem Versuch, gegen 4 Bft. an zu pullen -- schade, wir hatten uns für Zodiac entschieden, um besonders gute Qualität zu bekommen. Mal sehen, was der Kundendienst sagt. Momentan wird (bei weniger Wind) wieder gepaddelt, wie in den vergangenen Jahren und bei dem derzeitigen Kuhsturm mit

dem gebrauchten 5 PS Außenborder gefahren -- Pullen oder Paddeln bringt's nicht. Vorgestern und gestern waren wir an Land: Bei weniger Wind oder in windgeschützten Bereichen ist es hier im Norden Fyns recht hübsch: Blüten über Blüten und jede Menge Vögel, die die unterschiedlichsten Arten von Musik machen.

Aber vorsichtiges Ankern ist angesagt: Die Seeabdeckung ist hier bei allen Wind-richtungen prima, aber

gegen westliche Winde gibt es mangels Bäumen fast keine Abdeckung. Also kachelt es wie der Teufel über Wasser und Boot. Der Landgang wird deshalb, bei dieser unebenen Fahrbahndecke, immer eine nasse

Sache und wir sammeln wieder Erfahrung mit Windhosen (wie

letztes Jahr auf dem Weg von Riga nach Tallin). Wir liegen knapp eine Kabellänge in Lee des Ufers, haben 20 cm Wellen mit brechenden Kämmen und freuen uns, dass wir 2 Anker ausgebracht haben, die anscheinend auch bei 6 bis 7 Bft. ihren Job tun. Morgen Mittag soll der Wind abnehmen und ne'ly drehen, dann werden wir unsere Anker nebst Ketten und Leinen wieder einsammeln, das Schlauchboot an Deck packen und uns auf den Weg durch den Kleinen Belt nach Süden machen. (Korshavn, 28.05.09)

Das Wetter hatte sich dann tatsächlich gebessert und wir konn-ten bei recht angenehmem Wind zügig entlang der bewaldeten Nordseite Fyn's Richtung Kleiner Belt vorankommen. Trotz dieses Namens ist mit großen Schiffen zu rechnen: Fredericia verfügt

über Werft-industrie und an-scheinend

auch Raffinerien.

Bei Abfahrt von Korshavn war der Wind zunächst recht kräftig, sodass wir mit mehr als 10 kn vorankamen, flaute dann jedoch auf geringere Geschwindigkeiten ab. Das änderte

sich schlagartig, als wir Strib-Leuchtturm passiert und den Blister weggenommen hatten. An der engsten Stelle des kleinen Belt lief "La Guagua"mit gut 12 kn wieder mal zu Höchstform auf: was nicht gegenan kam, wurde überholt -- ein schöner Anblick. Im Hafen der kleinen Insel Aarø verbrachten wir eine ruhige Nacht und machten uns am nächsten Morgen schon kurz

nach 10:00 Uhr bei wechselhaften Winden mit entsprechend vielen Segelwechseln und einer

Reihe von Sprints auf den Weg nach Kappeln an der Schlei. Insbesondere im Als-Fjord ging es dahin, obwohl wir eigentlich in der Abdeckung hätten sein sollen. Vor der Klappbrücke in Sonderburg warteten

wir etliche Minuten und freuten uns, dass an der Brücke die Uhrzeit der nächsten Öffnung angezeigt wurde. Da wir uns für diesen Trip das Pfingstwochenende ausgesucht hatten, sahen wir natürlich auch jede Menge Traditionsschiffe --

einige schön und andere weniger--, die Touristen ausführten. Nachdem wir in der Abdeckung von Sonderburg (keine Düse weit und breit) etliche ordentliche Drücker abbekommen hatten, flaute es auf dem Weg zur Schlei-Mündung immer weiter ab, sodass wir auf den Rest eine ziemliche

Trödelei veranstalteten. In der Schlei kam dann aber wieder etwas Wind auf, sodass wir Segel wegnehmen mussten, um nicht einem niederländischen Traditionschiff, das wir wegen der Enge des Fahrwassers nicht überholen konnten, in den Achtersteven zu fahren.

Im Stadthafen von Kappeln liegt man hervor-ragend: In den € 15 Liegegeld sind Strom, Wasser, Wlan, spitzenmässige Waschräume mit warmen Duschen enthalten.

Den Hafenmeister darf man als Prototypen der Leute aus Kappeln betrachten: Sie sind sehr freund-lich. Dass Kappeln außerdem eine kulturelle Hochburg ist, läßt sich leicht an den literarisch hochwertigen, teilweise auch echt deutschen Schildern erkennen. Wir hatten das Glück, eben oberhalb der Tankstelle längsseite an einer Ein-

rumpfyacht mit ausnehmend netter Crew festmachen zu können und bei einem Drink an Deck die Klappbrücke etwas oberhalb betrachten zu kön-nen. Wenige Meter entfernt befand sich die "Alte Räucherei", in der wir gleich zweimal von freundlichen Kellnerinnen gutes Essen zu zivilen Preisen serviert bekamen.

Am folgen-den Morgen steuerten wir nach mehr-facher Be-trachtung der stünd-lichen

Kappeln-Boat-Show Kiel an, um in Holtenau die Nacht vor der Kanal-

fahrt zu verbringen. Im Gepäck, gewissermaßen als Geschenk für den Herrn der bundeseigenen Yachthäfen, hatten wir einen Schwarm wilder Bienen. Hübsch anzusehen war das Treffen von MSC und Unifeeder.

Kein annähernd so schönes Bild gab die "Cassandra" trotz ihrer farbenfrohen Flagge von Antigua-Barbuda ab. Schornsteinmarke und Kontorflagge erinnerten zu sehr an Peter Döhle, einen der reichsten Hamburger; aber wahrscheinlich hat das Schiff gar

nichts mit ihm zu tun, denn dieser Bürger unserer Stadt residiert ja an der Elbchaussee und nicht in St. Johns in der Karibik.
Und dann kamen wir in den bundeseigenen Yachthafen Holtenau mit etwa 400 m ziemlich gammeliger Holzbrücke auf verrosteten Dalben mit vielleicht insgesamt 15 Booten daran. Wegen dieser Enge wird ein Mehrrumpfbootzuschlag von 50 % erhoben. Dafür gibt es weder Strom noch Wasser oder Wlan auf den Stegen und im Männerwaschraum lassen sich die Türen der Toiletten nicht verriegeln. Gun fragt sich, ob in den Häusern Tiefensee oder Schäuble (wer auch immer für diese Sporteinrichtungen im Verkehrs-

bereich zuständig sein mag) für breite Autos erhöhte Park-gebühren genommen werden und die Toiletten nicht abschließbar sind.

Die nicht bundeseigenen, kleinen Viecherein sind allerdings nicht gebühren-pflichtig aber nett anzusehen.
(Rendsburg, 03.06.09)

Mit der Einfahrt in den NOK hatten wir Glück: Vom Losmachen in Holtenau bis zum Verlassen der alten Schleuse im Kanal verging noch nicht einmal eine Stunde. Die € 18 für die Kanalpassage empfanden wir als

angemessen. Gemeinerweise kam der Wind genau von vorn und drehte mit jeder Kanal-biegung mit -- aber freundlicherweise war er nicht recht stark; wir mussten deshalb die Lokomotiven vom nördlichen Kanalufer nicht in Anspruch nehmen. Die Fahrt durch den NOK ist

recht interessant: es gibt große und kleine Fahrzeuge. Die Kleinen fürchten sich vor den Großen. Die jungen Mittelsäger wollen nur noch, so schnell es geht von uns weg kommen und wir nehmen bei

einem Überholvorgang so viel Fahrt weg, dass "La Guagua" gerade noch steuert, damit der

Dicke schnell vorbei ist. Bereits einen Tag vorher hatten wir uns, auch im Hinblick auf die Wettervorhersage, entschieden, die Nacht in der Schreiber-Marina bei Rendsburg zu verbringen, die uns noch von einer Passage vor etlichen Jahren

in guter Erinnerung war und erreichten sie gegen 15:00 Uhr. Liegegeld pro Nacht € 14, heiße, sehr gepflegte Duschen, Strom und Wasser am Steg sowie Wlan inclusive. Am Ufer hinter unserem Boot hatte sich Frau Möwe auf einem alten Pfahl ihr Nest angelegt -- auch ihr gefiel es anscheinend bei Schreiber. Wir nutzten den Rest des Nachmittags zu einem ausgedehnten Spaziergang nach Büdelsdorf um ein wenig

einzukaufen. Insbesondere brauchte Gun einen 7mm Schlüssel um die Solar-Panels zu demontieren: Dort war anscheinend etwas falsch, denn der Regler hatte die Last abgeschaltet und die Spannung der Batterie kam nicht wieder hoch. Der Weg nach Büdelsdorf ist schön, er führt durch den Wald, der jetzt

im Frühjahr wunderbar duftet. Am nächsten Tag war das Wetter (wie erwartet) nicht gerade gut und wir blieben noch einen Tag. Diesen nutzten wir, um der Elektrik etwas zu Leibe zu rücken, in der Hoffnung den Elektronen den Weg durch die Drähte wieder schmackhaft machen zu können. Wir verzeichneten einen Teilerfolg: Mit Hilfe unseres bislang nie benutzten Ladegeräts konnten wir der Batterie wieder etwas Spannung einhauchen, die auch beim Anschluss an den Regler nicht gleich wieder verloren ging: Echolot und GPS (im Kanal weniger wichtig) standen wieder zur Verfügung -- ein prima Tag mit miesem Wetter. Die schicke Motoryacht bei Lürssen gehört bestimmt einem

Leistungsträger. Trotz ihres filigranen Aussehens macht die Drahtseilfähre (?) unter der Eisenbahnbrücke von Rendsburg

einen durchaus vertrauenserweckenden Eindruck und befördert sogar Autos. Da hatte anscheinend jemand eine prima Idee ohne ein weiteres riesiges Bauwerk unter-schiedliche Verkehrsmittel zu kombinieren. Im NOK teilen sich Schiffe mittlerer Größe mit eleganten Wasservögeln das gleiche Wasser und die Ufer sind dicht bewachsen, unter anderm mit Schilf und Lilien, die zwischen den Schlackebrocken der Uferbefestigung herauswachsen.

Auch ein ideales Gebiet zum Radfahren ...

Das positive Bild von der Kanalfahrt wird leider getrübt durch den teil-weise sehr schlechten Zustand der bundeseigenen Einrichtungen. Über Holtenau hatten wir uns schon weiter oben ausgelassen. Während der Fahrt hatten wir dann Gelegen-heit zu sehen, dass nicht mehr benötigte Signalanlagen nicht fach-

gerecht abgebrochen und entsorgt werden sondern einfach stehenbleiben und vergammeln mit heraushängenden Lampen -- wie ein alter Kühlschrank im Park. Und dann kamen wir noch in den bundeseigenen Yachthafen Bruns-

büttel. Der Anblick der Steckdosen am landseitigen Steg machte uns Hoffnung auf die Möglichkeit, den Petroleumkocher nicht zum Kaffee kochen benutzen zu müssen. Fehlanzeige: 6 Ampere-Sicherung. Bei der Trinkwasserversorgung war die Lage eindeutig: die Kraft oder Zeit hatte zwar noch zum Blindsetzen der Leitung gereicht, aber das Schild blieb hängen und macht jetzt einen ziemlich dämlichen Eindruck. Gun hat zwar gefragt, wo die Toiletten sind, aber das war völlig überflüssig: der ausgeprägte Urinduft aus dem Männerwaschraum reichte als Wegweiser eigentlich aus; dagegen half offensichtlich kein Saubermachen, denn sauber war es ja.
Und nun erlauben wir uns, den zuständigen Ministern einen heißen Tipp zu geben:

Es ist an der Zeit, mit der Schirmproduktion für unfähige oder korrupte Banker aufzuhören. Das hier-durch eingesparte Geld könnte zur Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen Schleswig-Holsteins verwandt werden. Schlosser und zertifizierte Entsorgungsunternehmen könnten nicht mehr benötigte Signalanlagen abbauen und verwerten. Maurer, Fliesenleger und Schreiner wären sicherlich in der Lage, grundlegende Renovierungsarbeiten an den sanitären Anlagen vorzunehmen um Toiletten wieder geruchs-neutral und abschließbar zu gestalten. Schließlich wäre da auch noch Arbeit für Elektiker, Installateure und Informatikbetriebe: Dann gäbe es an den Stegen hinreichend Strom, Wasser und auch einen Inter-netzugang, der sich mit polnischen Üblichkeiten messen könnte.
Wie würden sich diese Forderungen ausnehmen in den Wahlprogrammen von CDU und SPD (wer auch immer zuständig sein mag)?

Schluss mit Gemecker, Klugscheißerei und heißen Tips; fahren wir stattdessen die Elbe hoch in den City-Sporthafen, wo wir für etwa eine Woche bleiben wollen und dann unter dem Titel "Hamburg" das nächste Stück unserer Reise beschreiben werden. (Hamburg 15.06.09)

Ort Datum Uhrzeit
Abfahrt Sakskøbing 23.05.09 16:42
Ankunft Hamburg 05.06.09 14:30
Motor Segel max. Fahrt
Diese Etappe 76 sm 225 sm 13,2 kn
bisher 76 sm 225 sm 13,2 kn