Katamaran "La Guagua" 2008: nach Tallinn

von Riga nach Tallinn

zum Reisebeginn

Riga verließen wir zeitig mit dem Ziel, nach einem Zwischenstop auf der kleinen Insel Ruhnu nach Kurassare auf Saaremaa zu gehen. Der

Wind kam aus dem Süden, sodass wir die Daugava mit dem Blister hinunter fahren konnten -- Motor: einige wenige Minuten, prima!! Ansonsten war es grau, aber für Farbe sorgten Sabine's Wicken. Nach viel Getrödel bei leichten umlaufenden Winden kam dann am Nachmittag etwas mehr und 20:00 waren wir nach etwa 60 sm in Ruhnu fest. Eine Viertelstunde später waren wir auf dem Weg nach Saaremaa: der Hafenmeister hatte Gun erklärt, sein Boss habe ihn angewiesen, von Katama-

ranen 100 % Aufschlag zu kassieren (also insge-samt etwa € 38) -- er könne daran nichts ändern; und in Kurassare seien es 50 % Aufschlag. Weil der Hafenmeister aber ein richtig netter Mensch war, informierte er Gun über das in der Nacht zu erwartende Wetter: ruhig. Zu solchen Häfen fällt uns nur ein, dass der Boss mal von einem Multihull überholt worden sein muss und seither schlimme Zweifel an ihm nagen: MehrrumpfseglerInnnen bleibt weg, es ist auch anderswo schön!

Einer langweiligen Nacht mit einem spektakulären Sonnenaufgang gegen vier Uhr folgte ein schwachwindiger Vormittag und erst um 13:45 lagen wir nach gerade mal 110 sm vor Anker west-lich des Halbinselchens Voilaid. Nach dem An-

kunftsschluck erstmal ausschla-fen bis zum Sonnenuntergang; Mittagessen gegen Mitternacht. Am nächsten Morgen gab's zum Frühstück zwar keine Windbeu-

tel, aber immerhin eine Windhose, die zweite unseres Seglerdaseins. Zum Glück zog sie 5 bis 10 sm südlich an uns vorbei nach Osten -- tschüss, wir weinen diesem eindrucksvollen Teil keine Träne nach und hoffen, dass niemand anders Schwierigkeiten mit ihr hatte (noch nicht mal der Boss von Ruhnu, dieser Freund des Geldes).

Landgang hinter Voilaid: Der Grund eines weiten Teils estnischer Gewässer ist von Geröll bedeckt und steigt (abgesehen von einzelnen großen Steinen) sehr flach an, so auch im Bereich unseres Ankerplatzes. Trotz des geringen Tiefgangs unseres Schlauchbootes kamen wir bei mehrern Versuchen nicht

nahe genug ans Ufer, um an Land zu gelangen: "Was wolln die Leut an Land hier gehn, sie könn das Land von Bord aus sehn".
Da wir dennoch etwas von Estland sehen wollten, zogen wir am 10.07.08 nach dem Frühstück den Anker aus dem Grund, umrundeten südlich einige Geröllinseln und drehten dann nach Norden mit dem Ziel Haapsalu. Trotz des achterlichen Windes war an den Blister nicht zu

denken. In der kurzen Zeit seit Verlassen des Ankerplatzes hatte er zugelegt und wehte beim Passieren von Viirelaid Leuchturm bereits mit 5 Bft.

Die Navigation ist in diesen flachen estnischen Gewässern trotz guten Kartenmaterials anspruchsvoller als z.B. in den schwedischen Schären. Dort sind jede Menge Landmarken vorhanden, die es relativ leicht machen, optisch festzustellen, wo man sich befindet und wie weiter zu fahren ist. Hier sieht man sich von einer großen freien Wasserfläche umgeben und hat den Eindruck, es gebe keine Hindernisse; doch dieser Eindruck trügt: Bei einer durch-schnittlichen Tiefe von 5 m gibt es eine Vielzahl großer Steine, die z.T. nur von 50 cm Wasser bedeckt sind. Das macht sie unsichtbar und damit gefährlich, insbesondere bei viel Wind nebst der dazugehörigen Welle: Ein Treffer mit unserer Geschwindigkeit an diesem Tag

(Durchschnitt 7,5 kn, Maximum 13,5 kn) würde mindestens ein Schwert kosten. Also ist exakte Navigation angesagt; wegen des Fehlens markanter Inseln und des Gewackels wegen der ruppigen See sind halbwegs genaue Peilungen illusorisch. Was bleibt ist der GPS und ein genaues Verfolgen der nicht sehr zahlreichen Tonnen. Gun freut sich dann immer, wenn wir dort rauskommen, wo er hin wollte -- z.B. in Haapsalu. Das muss ja nicht gleich der Bahnhof sein, es ist sogar besser, wenn es sich um den Haapsalu Jahtklubi handelt. Dort wurden wir sehr

freundlich aufgenommen! Momentan ist

großer Umbau angesagt. Ein neues Gebäude ist noch nicht ganz fertig gestellt. In ihm befindet sich ein gutes Restaurant mit sehr freundlichen Beschäftigten, die zum Teil ganz prima englisch sprechen. Da Sanitäranlagen für Segler noch fehlen, müssen die des Restaurants genutzt werden -- und die sind gut (nur gibt es halt noch keine Duschen). Liegegebühren werden momentan noch nicht erhoben, um eine Spende wird gebeten, in unserem Fall um 200 EEK pro Nacht ( ~ € 13)

Haapsalu ist eine Reise wert! Es ist zwar keine große beein-druckende Stadt, hat aber Charme: holprige

Gassen mit freundlichen Menschen, viele

Blumen, jede Menge Restaurants und Kneipen, verschiede-ne lesbare Schilder,

unerwartet schöne Geschäfte mit tollen Textilarbei-ten in alten Gebäuden und natür-lich der

Bahnhof mit dem längsten komplett überdachten hölzernen Bahnsteig Estlands, der extra für Herrn Zaren (Nikolai II.) gebaut wurde: Man ließ es sich gut gehen zu Lasten des dummen Volkes und wunderte sich hinterher, wenn man davon gejagt wurde -- wie undankbar! Der Betrieb der Bahn ist eingestellt worden (Vorrang für

die Straße, eine EU-Krankheit) und der Bahnhof dient als Eisenbahn-museum.

Darüber hinaus gab es natürlich noch das Kurhaus, skurrile Ansichten auf Autoscheiben und viel Natur; mein lieber Schwan ...

Eigentlich hatten wir vor, Haapsalu sehr zeitig morgens zu verlassen um nach Tallinn zu gehen, etwa 70 sm. Als Gun fertig war mit dem Waschen, begann es zu regnen und deshalb blieben wir fast bis ein Uhr. Zunächst ging es prima, fast 4 Winstärken von Bb. achtern, das ist ja gar nicht schlecht. Als wir durch die engsten Stellen hindurch waren und eigentlich so richtig hätten anfangen können zu fahren, begab sich der Wind zur Ruhe: die letzten 4 sm nach Dirhami Sadam -- gerade mal 20 sm von Haapsalu -- fuhren wir

(zähneknirschend) mit dem Motor. Dort wieder mal ein verkniffener Wutanfall: für Mehrrumpfboote 50 % Aufschlag, also EEK 250 (~ € 17), für einen fast leeren Hafen mitten im Nirgendwo bei passablen Sanitäreinrichtungen aber (das darf nicht verschwiegen werden) einem sehr freundlichen Hafenmeister. Um das Beste daraus zu machen, spazierten wir am Abend (vor den Spaghetti) durch den Wald, sahen schöne Blumen, aßen leckere Walderdbeeren und genossen den Sonnenuntergang nebst Waldglühen (Alpenglühen gibt's dort ja nicht).

Am nächsten Tag wie im Kalender: Sonntagssegeln -- Sonne satt !

An schöner Landschaft vorbei mit mäßiger Geschwindigkeit nach Tallinn, durchs tiefe Wasser, ohne viele Steine im Weg. Cat-Ferries, Leuchttürme und Passagierschiffe hielten respektablen Abstand von uns.

Ort Datum Uhrzeit
Abfahrt Riga 07.07.08 08:52
Ankunft Tallinn 13.07.08 18:45
Motor Segel max. Fahrt
Diese Etappe 9 sm 216 sm 13,5 kn
bisher 48 sm 1025 sm 16,4 kn